Gedanken zum Kontrollverlust II

Nach dem heutigen Vortrag von Michael Seemann und anschließender Diskussion möchte ich meine Gedanken zum Kontrollverlust noch um einige unsortierte Gedanken ergänzen.

Ich bin unverändert überzeugt, dass der Kontrollverlust ein spannendes Konzept ist für die Betrachtung der Veränderungen, die als Folge der Digitalisierung zu erwarten sind – oder sein können. Leider habe ich dann vergessen, die definitorischen Schwierigkeiten zu diskutieren. Völlig sicher bin ich aber nicht mehr, ob es in der von mir angemerkten Weise nötig ist, die Gesellschaft hineinzunehmen.

A) Was sich durch den Vortrag zog, war, dass die Query-Öffentlichkeit gekennzeichnet ist durch das Betonen des Individuums und des Individuellen. Wenn man, wie ich es neulich getan habe, den Kontrollverlust als politisches Phänomen denken will, stößt man dann auf Probleme. Politisch kann, unabhängig von konkreten Politikbegriff, aber nach allgemeinem Verständnis nur sein, was überindividuell ist. Wenn man genau das aber nicht will, sondern eben genau das Individuum absolut setzen möchte, wenn etwa Öffentlichkeit ist, was jemand per Query als Öffentlichkeit erschafft, dann entfällt der Zwang, die Gesellschaft in die Definition hineinzunehmen. Der Kontrollverlust ist dann relevant, wenn er für mich als Individuum relevant ist.

Eine neue Form von Öffentlichkeit zu denken, die derart radikal losgelöst ist von der Gesellschaft im klassischen Sinne, ist eine Herausforderung und bisweilen schwer verwirrend. Ich habe den Eindruck, auch Michael Seemann hat das Verhältnis von Individuum und Gesellschaft in seiner Query-Öffentlichkeit noch nicht vollständig durchdacht.

Die Gesellschaft im Sinne von einer Vielzahl an Menschen, die miteinander interagieren, nicht zu leugnen, und gleichzeitig die Gesellschaft im Sinne von einer Vielzahl an Menschen, die miteinander interagieren und gemeinsam Probleme lösen, gemeinsame Antworten geben auf die Frage nach dem Leben, das sie führen wollen, gemeinsam Bedeutungen kreieren, auszublenden – das erfordert meiner Ansicht nach noch einige Arbeit an einem brauchbaren Gesellschaftsbegriff.

B) Mit dem Abschied vom alltäglichen Gesellschaftsbegriff stoße ich außerdem auf die Frage nach dem dann zentralen Individuum selbst – das als Ergebnis einer Vielzahl von Beziehungen zu denken sich als für mich oft hilfreich herausgestellt hat – und seiner Identität. Wenn das, was ich für jemand anderen bin, nur noch ist, was er per Query über mich in Erfahrung bringt – wie muss ich dann Individualität und Identität verstehen? Für den Query-Steller bin ich das Ergebnis seiner Query (plus das Ergebnis etwaiger vorheriger Querys plus anderer Kontakte) – aber für mich? Wer bin ich, wenn ich nicht ermessen kann, wer ich für andere bin – ja, wenn ich für andere potentiell jeder sein kann, weil sich Daten auf beliebige Weise verknüpfen lassen?

C) Ich neige ja immer noch dazu, zu glauben, dass man Politik nicht ignorieren kann, dass man sich nicht auf eine Öffentlichkeit der Individuen zurückziehen kann – oder es jedenfalls nicht sollte. Selbst wenn wir den Staat als Ordnungssystem einer Gesellschaft abschafften (und Nationalstaaten sind ja historisch ein eher neues Phänomen), solange wir nicht in solipsistischen Vorstellungen denken, akzeptieren wir ja, dass es da noch andere Menschen gibt, die irgendwie auch um uns herumschwirren, Dinge tun, die uns beeinflussen, beeinflusst werden von Dingen, die wir tun. Nun sind diese Leute da und begegnen sich, nicht nur über Querys, auch in dem, was wir reale Welt nennen. Zwar mag alles, was im Analogen ist, irgendwann und irgendwie auch im Digitalen sein, doch ist es eben erst mal im Analogen. Auch dort gibt es Netzwerke, Bedeutungszuschreibung, Regelaushandlung, dort essen und schlafen und kommunizieren Menschen, dort begegnet mir die Welt nicht in Form eines Datenbanktreffers.

All das muss irgendwie geregelt werden – und sei die Regelung dergestalt, dass der Gegenstand nicht en detail geregelt wird. Vor allem muss irgendwie, ob nun formal oder informell, geregelt sein, dass die physischen Voraussetzungen für das souveräne Filtern bestehen. Mag sein, dass wir uns irgendwann gegen das Regiertwerden an sich auflehnen werden, dass das Konzept als überholt verstanden wird – aber das unvermeidliche Regieren in irgendeiner Form, das Verregeln von Sachverhalten nämlich, setzt doch wieder irgendeinen Gesellschaftsbegriff voraus.
Um die Gesellschaft komme ich nicht herum, da kann ich drehen und wenden, wie ich möchte.
Liegt aber vielleicht an mir. (Wer als Politologe Politik für nicht notwendig erklärt, der wäre ja auch schön blöd.)

So weit für den Moment.
Jetzt nutze ich den Blog doch auch mal dazu, nicht gereifte Gedanken stringent zu präsentieren, sondern unausgereifte Gedanken peu a peu zu entwickeln.
Macht eigentlich Spaß.

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